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Identität 2.0: Das hier ist Privatbesitz
18AugVerfasst von Martin Lindner am Mittwoch, 18. August 2010 | | 10 KommentareAngst essen Seele auf
Urvölker, so berichten seit über 100 Jahren europäische Forscher, hätten besondere Angst vor dem Fotografiertwerden. Mal sollen es die Papuas sein, mal die Aborigines, mal die Indianer. (Quellenangaben dazu gibt es nie.) Angeblich glauben sie, dass ein Porträtfoto ihre Seele stiehlt. Wenn jemand anderes ein Stück von ihnen besitzt, müssen sie selbst dabei etwas verloren haben. Und dieses losgerissene Stück kann dann zum Gegenstand von irgendwelchen finsteren Gedanken und Plänen werden, die sich auf die Person richten, ohne dass sie das weiß.
Tatsächlich gab es ja während der WM Voodoo-Puppen von Lionel Messi, die einfach ein Foto des argentinischen Fußballgenies aufgeklebt bekamen. Heute denken vor allem Prominente so, die ständig vor Paparazzi flüchten müssen (hier: "Dr. House"). Man sieht schon, es ging hier nie wirklich um primitive Völker, sondern um Urängste der bürgerlichen Zivilisation, die um 1850 mit den ersten detailgenauen Porträtfotos aufgekommen waren, nicht zufällig zeitgleich mit der Spiritismus-Welle. Es geht um technische und elektronische Medien, die unmittelbar-körperliche Lebensspuren kopieren und vervielfachen: Fotos, Stimmen, Videos.
An die alten Medien haben wir uns jetzt in über 100 Jahren gewöhnt. Denn die Kehrseite dieser Angst war ja immer schon eine ebenso große Faszination. 1888 versprach die erste Kodak-Kamera: "Sie drücken den Knopf, wir machen den Rest!" Seitdem machen die Leute Fotos wie verrückt, von sich selbst und von allem, mit dem sie in Berührung kommen. Sie glauben nämlich, dass die eigene Existenz erst dann wirklich gesichert ist, wenn es möglichst viele Fotos gibt, die das bestätigen.
Das Facebook war früher das Familien-Fotoalbum: Aufbewahrt im Allerheiligsten, gleich neben den Kontounterlagen und dem Fernseher, verborgen hinter Zäunen, Mauern und Rolläden, gesichert mit Alarmanlagen, vor Blicken geschützt mit Nadelbäumen und Thujenhecken.
Und jetzt haben wir eben Streetview und Facebook. Ein völlig neues Medium ist entstanden: die digitale Spiegelwelt. Hier wird alles digitalisiert, was nur irgendwie digitalisiert werden kann – persönliche Profile, Hausfassaden, und vieles vieles mehr. Nur sind die gestohlenen Seelen-Stücke jetzt noch gespenstischer als früher, weil sie nicht einmal mehr als Papierfoto oder als Magnetband greifbar sind. Es sind nur noch flüchtige Lichtspuren auf Bildschirmen.
Ich verstehe, dass das Angst auslöst,wenn ich mich in Leute hineinversetze, die sich nicht mehr umstellen können und wollen. Das Foto des Eigenheims wird aus dem Zusammenhang gerissen, und jede/r kann draufschauen. Es wird zum Voodoo-Objekt in den Händen von Einbrechern aus Rumänien und Kinderschändern aus Digitalien. Was Facebook angeht, erzählen unsere Papierzeitungen immer neu die Ammenmärchen von den "Identitätsdieben" und von all den Job-Bewerbern, die angeblich gescheitert sind, weil Personalchefs die peinlichen Partyfotos gegoogelt hatten.
Wenn man dem Ehepaar ins Gesicht sieht, das jetzt vor seinem Düsseldorfer Klinker-Reihenhaus anklagend in die Pressekamera schaute, um gegen Streetview zu protestieren (mit Namen und Wohnortangabe!), dann sieht man: Sie fühlen sich wirklich verletzt und bedroht. Sie haben das Gefühl, auf einmal in einen völlig unkontrollierten Raum gesaugt zu werden. Und damit haben sie ja Recht: Ihr Foto ist in 24 Stunden um die Welt gegangen und kursiert jetzt da draußen in Hunderten von Kopien.
Was hat Privatheit mit Identität zu tun?
"Privates muss auch privat bleiben. Ich kann mir anhand von solchen Diensten anschauen, wo und wie jemand lebt, welche privaten Vorlieben er oder sie hat, wie seine Haustür gesichert ist oder welche Vorhänge an den Fenstern sind – und das ist noch das Wenigste." (Ministerin Aigner) "Google greift in unsere Privatsphäre ein [und] verletzt massiv deutsches Recht. Das ist eine Missachtung der Menschenwürde." (Der Donaukurier, der eine Anti-Streetview-Kampagne führt) – "Werden Sie ruhig schlafen können, wenn der erste Kinderschänder den Schulweg seiner Opfer per Streetview erkundet hat?" (Forum-Kommentar)
Die Begründungen für die Angst vor den Streetview-Autos sind wirr und beliebig. Die absurden Geschichten in der Presse machen keinerlei Unterschied zwischen abfotografierten Passanten, für die sie immer neue denkbare peinliche Situationen herbeifantasieren, und dem aggressiven "Hineinfotografieren" in den Garten. Das Wort, das hier immer gebraucht wird, ist "Verletzung": der Privatsphäre, der Persönlichkeitsrechte, der Menschenwürde. Und das ist eben nicht so lächerlich, wie es klingt. Hier ist jemand verletzt. Der Schmerz ist echt.
Warum haben gerade die Deutschen so viel Angst vor dem Internet? Warum empfinden sie es buchstäblich als "Verletzung", wenn ein Kamera-Auto herumfährt und Hausfassaden und Jägerzäune abfotografiert? Warum fühlen sie sich nicht verletzt, wenn sie im Einkaufszentrum auf Schritt und Tritt von Überwachungskameras gefilmt werden? Warum finden sie die "Datenkrake Google", die sich für Individuen gar nicht interessiert, so viel schrecklicher als das erfolgreiche deutsche Unternehmen, das sie mit der Payback-Karte füttern und das gezielt Namen mit Adressen verknüpft und verkauft?
Es sind die Phantomschmerzen der Bürgerlichkeit. Gut 150 Jahre haben wir in Deutschland in der Bürgerlichen Epoche gelebt, und jetzt ist sie zu Ende. In dieser Epoche wurde persönliche "Identität" überhaupt erst erfunden, nämlich als etwas, das man durch "Selbstverwirklichung" erst mühsam herstellen muss. Das "Eigenheim" mit Carport und großem schwarzen Auto bestätigt dann, dass man "es geschafft" hat. Es ist die symbolische, dauerhafte Verkörperung der an sich ungreifbaren Identität. (Sogar die Mieter, die sich über Streetview erregen,
denken von ihrer Wohnung anscheinend als "Eigenheim".)Für diese bürgerlich-provinzielle deutsche Kultur war nicht der Körper der Garant der Identität, sondern die Fassade. Die Außenseite der Mauer, die das Private schützt. Die dauerhafte Verkörperung der korrekten Kleidung und der beruhigenden Hierarchien im Arbeitsverhältnis auf Lebenszeit. Wer hier eindringt, verletzt mich. Aber das ist ja längst vorbei. Man kann das leicht an den Freizeitbeschäftigungen ablesen: Die geschiedenen Kinder der Düsseldorfer Streetview-Rebellen machen keinen Sonntagsspaziergang mehr durch die toten Straßen der Eigenheimsiedlung, sondern Mountain Bike und Nordic Walking, Joggen und Marathon. Und die Enkel haben schon alle Arten von Adrenalinsportarten durchprobiert, den Body gebildet und tätowiert und die Fotos von der Loveparade auf StudiVZ online gestellt.
Die alte “bürgerliche Fassade” gibt es nicht mehr. Das Private und Intime ist längst so durcheinander geraten wie jetzt unsere Vorstellung von Öffentlichkeit. Das Abendland ist untergegangen. Im Fernsehen spricht das Internet in Gestalt eines höflichen Mannes im Anzug, der einen orangen Irokesen und einen Asozialen-Punker-Schnauzbart trägt. Und selbst der weiß nicht genau, wie er künftig sein Geld verdienen wird: Die lustige Lifestyle-Werbung, die er als Werbetexter einmal machen wollte, ist ja auch schon von Gestern.
Wir alle wissen gar nicht mehr genau, was das ist: Identität, Privatheit und Öffentlichkeit. Die alten Muster funktionieren nicht mehr, und die neuen müssen wir erst noch finden und ausprobieren.
Teenage Wasteland
Die alte Eigenheim-Kultur war schon lange medial ausgehöhlt. Sobald die ersten Teenager das Transistorradio unterm Kopfkissen hatten, war die neue, unerschöpfliche Kommunikationswelt eröffnet. Die Pop-Stimmen sprachen direkt zu ihnen, der Radio-DJ wurde ihr Freund, mit Telefongesprächen wurde ein Netzwerk geknüpft. Ein Kulturschock, wie das World Wide Web quasi, nur viel langsamer und mit viel weniger Bandbreite.
Teenager haben nicht nur kein Eigenheim, sie haben auch kein Gesicht zu verlieren, denn ihr Gesicht ist ja so nichtssagend und unfertig wie das von Marc Zuckerberg, dem Facebook-Erfinder, der mit 27 immer noch aussieht wie der verklemmte Harvard-Freshman. Er hat keine Angst vor dem “Verlust der Privatheit”, weil da nichts zu entdecken ist. Dabei ist auf Facebook zu sein schon ein Zeichen von Reife. Heute bekennen sich 150 Millionen auf der ganzen Welt zur Zuckerberg-Kultur, nach der netten infantilen Pop-Welt von MySpace und der spießig-infantilen Welt von StudiVZ.
Heute leben wir alle im Teenage Wasteland. Heutzutage hört man ja erst mit 30 auf, Teenager zu sein, und wird dann für die nächsten 20 Jahre zum Twen. Die Thomas-Gottschalk-Kultur hat längst die Eigenheim-Kultur abgelöst. Gottschalk war der Vorläufer von Sascha Lobo: der schönheitsoperierte 60jährige Ex-Diskjockey mit der absurden Frisur, der jetzt gerade Opa geworden ist. Sein Sohn Roman lebt in Kalifornien und hat 393 Freunde auf Facebook, darunter u.a. Natascha Ochsenknecht.
Die kritische Grenze war überschritten, als Radio und Fernseher nicht mehr im Wohnzimmer standen, sondern im Schlafzimmer. Seit den 1970er Jahren wurde plötzlich der privateste Rückzugsraum das Tor zum Weltraum: Filme, Serien, Pop-Radio, Porno … Man machte die Tür zu, stellte das Gerät an, und plötzlich war das Innerste nach ganz außen gekehrt. Ein Kurzschluss: Der einsamste Mensch lebt in der allgegenwärtigen elektronischen Metropole. In der Matrix. Das heißt aber auch: Alles dazwischen geht notwendig kaputt. Die Nachbarschaft, die Gemeinde, das Viertel, die Vereine, Verbände und Parteien. Die ganzen Identitätsprothesen.
Genau an diesem Punkt stehen wir jetzt also: Noch nie war der einzelne Mensch so ermächtigt, so aufgeblasen, so überfordert wie heute. Die gemütliche Nachkriegswelt der 70er Jahre ist unwiderruflich vorbei. Die Straßen im Autoland haben Schlaglöcher. Alles bröselt. Und es gibt, wenn wir uns umsehen, nur genau einen Lebensraum, der sich gegenwärtig vital anfühlt, in dem sich überhaupt neue persönliche, soziale und politische Beziehungen und Strukturen bilden: das Internet. Also bleibt uns gar nichts anderes übrig als der Kopfsprung in den großen Datenozean, trotz all der Kraken und Haie, die da lauern mögen.
(Das ist übrigens eine politische Frage, keine Altersfrage: Meine 75jährige Schwiegermutter, Wohnungsmieterin mit Hauptschulabschluss, hat seit ein paar Monaten einen Laptop, bekam eine Google-Startseite und ist völlig begeistert: Die Nachrichten. Google Earth und Webcams. Suchen nach Allem, was gerade durch den Kopf geht. All die Gedichte und Lieder aus der Kindheit, deren Text nur einen Klick entfernt ist. Emailen mit der Enkelin … Ein Gewinn an Identität, in einem Alter, das sonst als schleichender Identitätsverlust erlebt wird.)

















10 Kommentare
August 18th, 2010 at 15:00
da sage ich nur:
http://monochrom.at/blog/index.php?op=ViewArticle&articleId=361&blogId=1
August 19th, 2010 at 07:02
[...] » Identität 2.0: Das hier ist Privatbesitz [...]
August 19th, 2010 at 07:57
[...] um sich in Stellung zu bringen. Für die Zeit nach Merkel”. So ist es. more… Identität 2.0: Das hier ist Privatbesitz « eVideo 2.0 an der HTW Berlin 08/18/2010 Ein ganz hervorragender Beitrag zu den Gefühlen der Bedrohung, die Street View [...]
August 19th, 2010 at 08:25
Wunderbarer Post, der das Thema beinahe schon abschliessend behandelt – und dabei aber erst an der Oberfläche des eigentlichen Problems kratzt: “Heute leben wir alle im Teenage Wasteland. Heutzutage hört man ja erst mit 30 auf, Teenager zu sein, und wird dann für die nächsten 20 Jahre zum Twen. Die Thomas-Gottschalk-Kultur hat längst die Eigenheim-Kultur abgelöst.”
Unsere Gesellschaft leidet – ich erlaub mir in diesem Zusammenhang diesen Begriff – heute an einer durch die klassischen Massenmedien, allen voran dem TV, herbeigeführten Infantilisierung der Erwachsenen, denen die (unmündige) Jugendlichkeit als Ideal aufgetischt wird. Dabei verlieren viele (bzw. erreichen nie) das, was Kant “Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit”. Die Folgen sind eine “strukturelle Verantwortungslosigkeit und eine durch manipulative Medien verursachte gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeitsstörung” wie es Bernard Stiegler in “Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien” treffend formuliert.
Anders als Stiegler bin ich jedoch der Meinung, dass diese (kulturpessimistische) Diagnose nur die angesprochenen Massenmedien betrifft. Das Internet als Nootechnik ermöglicht m.E. den erneuten “Ausgang aus der Unmündigkeit”.
Aber jetzt bin ich weit vom thema abgekommen …
August 19th, 2010 at 08:40
“… und dabei aber erst an der Oberfläche des eigentlichen Problems kratzt”: ich stimme zu. das ist alles grob vereinfacht und bräuchte viel komplexes einerseits-andererseits-weiterdenken. ich hoffe, das ist zwischen den zeilen irgendwie angedeutet. es ist eben nur ein (eh schon sehr langer) blogpost.
August 19th, 2010 at 08:53
In der Tat, man könnte ganze Bücher mit dem Thema füllen (was z.B. Stiegler auch tut). Mein Kommentar war ja auch nicht als Kritik, sondern als Ergänzung gedacht, ” zumal vieles eben “zwischen den Zeilen” angetönt wurde, wie Du sagst.
Andererseits ist der Verlust der “klassischen bürgerlichen Privatsphäre”, die ja bewusst dem in derselben Zeit entstandenen neuen Konzept der Öffentlichkeit entgegengesetzt wurde, eine grosse Herausforderung. Es gilt, für beide neue Konzepte zu finden. Keine leichte Aufgabe.
August 23rd, 2010 at 22:21
[...] im Webdiskurs geistreich zu kombinieren. Und das hat er zum Beispiel mit folgendem Zitat, das aus einem Text zum Thema “Identität 2.0″ stammt, blumig unter Beweis gestellt: Die alte “bürgerliche Fassade” gibt es nicht mehr. Das [...]
August 26th, 2010 at 16:13
[...] weiter in der Quelle auf eVideo 2.0 an der HTW Berlin Bildung Lessons Learned zu Identity 2.0 [...]
August 27th, 2010 at 19:11
[...] rein in die originalen Nachricht von eVideo 2.0 an der HTW Berlin Bildung identity20, Kolumnen, Lindner @ 2.0 [...]
September 6th, 2010 at 14:26
gefällt mir sehr!
Ich denke noch darüber nach, ob sich nicht auch zeigt, dass von der bürgerlichen Gesellschaft hier ganz besonders der kleinbürgerliche Teil sich angegriffen bzw. vernichtet fühlt und protestiert (Eigenheim, Jägerzaun, poliertes Auto …), denn die bürgerliche Identität im Sinne Humboldts meinetwegen ist ja eine ganz andere. Bürgerliche Gesellschaft bzw. Identität im Sinne von Civis, Teilhabe und Bildung dürfte ja diese Hysterie gar nicht haben. Im Gegenteil: Sie müsste die neuen Möglichkeiten des digitalen Mediums zutiefst begrüßen, weil mit ihnen die Forderungen der Französischen Revolution nach radikaler Demokratie überhaupt erst umsetzbar erscheinen … Also vllt ist das digitale Zeitalter nicht die Vernichtung des Bürgerlichen, sondern die Befreiung des Bürgerlichen vom Kleinbürgerlichen.
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