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  • Identität 2.0 – Teil III: In der Stadt

    06Dez
    Verfasst von am Montag, 6. Dezember 2010 | | 5 Kommentare

    “1000 Möglichkeiten / und doch kein Unterschied / 1000 Zeichen und keine Bedeutung mehr / 1000 Identitäten / alle richtig und alle falsch / 1000 Dinge die ich dir sagen will / aber nicht aussprechen kann.” (In der Stadt, Song einer vergessenen deutschen Garagenband, ca. 1983])

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    Die Krise der Identität gibt es nicht erst seit dem Internet. Erst einmal ist das nur die Fortsetzung der Erfahrungen, die die BewohnerInnen der großen Metropolen seit 150 Jahren machen. Deren “Identität” ist kein Schatz, der tief im Innersten der Bürgerseele bewahrt wird, sondern etwas Äußerliches: ein Effekt von immer neuen flüchtigen Begegnungen. Warhol, nicht Freud.

    Und auch diese Erkenntnis ist schon 90 Jahre alt. Aus der merkwürdig vogelfreien  Anonymität der neuen Metropolen entstand in den 1920er-Jahren eine ganz neue Persönlichkeits-Struktur: Sogenannte Asphalt-Intellektuelle wie Brecht, Kästner und Josef  Roth lebten und schrieben nicht mehr “daheim” den Großen Bürgerlichen Roman, sondern draußen im Café Texte für Radio, Zeitungen und den Film, nur durch Glasscheibe und Drehtüre getrennt vom nie abreißenden Strom der Passanten.

    Damals hatten der Industrieboom um 1900, der Weltkrieg und die Inflation  die scheinbar natürliche Sozialordnung “entwurzelt”. Nun war man fasziniert vom neuen Sozialtypus des “Hochstaplers”, d.h. jemand, der die soziale Kommunikation als ein Spiel mit Medien-Versatzstücken und Identitäts-Codes betrieb (vgl. Walter Serners Brevier eines Hochstaplers).

    Auch  das Schreiben wird dann zur Arbeit am eigenen Ich, wie aus Kästners   “unliterarischer Antwort” hervorgeht: “‘Woran arbeiten Sie?’ fragt  ihr.  ‘An einem Roman?’ An mir.” Das ist gar nicht so weit weg von David  Weinbergers klassischem Diktum von 2002: “On the Web, we are writing ourselves into  existence.” Inzwischen benutzen wir dafür Twitter. (Oder Facebook,  wenn wir uns nostalgisch nach einem Rest von Geborgenheit sehnen.)

    In den Metropolen kann man sehr direkt spüren, wie sich der Mensch täglich neu durch die Summe der äußeren Beziehungen und Erfahrungen formiert: Das Subjekt hat keine Substanz, sondern es ist “eine Straßenkreuzung, auf der sich Verschiedenes ereignet” (Claude  Lévi-Strauss). Genau das ist die Grunderfahrung des “Web 2.0″, das von Fall zu Fall auch das “soziale Web”, das “Micro Web” oder das “Live Web” genannt wurde.

    De digitale Stad

    Das soziale Web 2.0 verdoppelt die Struktur des Lebens in den Metropolen, aber befreit sie zugleich von jeder örtlichen Eingeengtheit: Jetzt kann jede/r als virtueller Passant für jede/n Andere/n Teil der Umwelt werden, und damit ein Impuls, der einen kleinen Splitter “Identität” erzeugt. Tatsächlich wurde das Internet von Anfang an mit einer globalen Mega-Metropole gleichgesetzt:

    “Die digitale Stadt Amsterdam ist ein öffentlicher Raum. Die Stadtmetapher … erlaubt  sowohl die Arbeit an einem strikten, übersichtlichen Plan, in dem Funktionalität und Benutzerfreundlichkeit  dominieren, als auch an  einem Labyrinth von Gassen und kleinen Strassen, in denen sich dunkle,  illegale, abenteuerliche Dinge abspielen. Eine Stadt kann so reich (und  so arm) sein wie das Leben. … Die Unübersichtlichkeit schützt die  Bewohner gegen die  destruktiven Seiten der Transparenz und der  Allgegenwärtigkeit. … Die Digitale Stadt muss nicht per se sauber und  gesund zu sein. Es muss auch anonyme Plätze geben.” (Geert Lovink, Die  digitale Stadt Amsterdam, 1995)

    Auf das Amsterdam-Experiment, das ein paar Jahre sehr erfolgreich war, folgte 1998 die Cyberspace-Metropole im “Matrix”-Film. Sie stellt sich als von Rechnern erzeugtes 3D-Abbild heraus, dessen Design auf gespeicherten Medienbildern beruht, die die apokalyptische Zerstörung der Erdoberfläche überstanden haben. (Die Außenaufnahmen wurden übrigens in Sidney gedreht.) Die Matrix-Metropole wird “bewohnt” von angeschlossenen menschlichen Hirnen und künstlichen Agenten-Programmen. Alles, was hier geschieht, sind nur Informationsimpulse. Aber was ist das Leben in einer realen Großstadt schon anders, wenn man Sex und Totschlag einmal ausklammert?

    Das erinnert an Second Life, das deshalb kurzzeitig erfolgreich war, weil es eine visuelle Metapher für das verwirrende “Live Web” bot, das zeitgleich mit Twitter und Friendfeed (und erst später mit dem überholten “Facebook 2.0″) entstand. Inzwischen hat Google Streetview das überflüssig gemacht. Daher rührt ja gerade der kollektive deutsche Streetview-Schock: Dorf- und Kleinstadtbewohner werden nun plötzlich damit konfrontiert, dass auch sie von nun an unwiderruflich Bewohner der Welt-Metropole sind. Das ist das Ende der immer schon angstgetriebenen “Gemütlichkeit”: Welcome to the Desert of the Real.

    Weder öffentlich noch privat

    Die Berliner Silikon-Intellektuellen (#, #, #), die die “Post-Privatheit” ausrufen, tun das mit denselben Argumenten wie die Asphalt-Intellektuellen der 20er Jahre und die New Yorker Künstler aus dem Warhol-Klüngel. Immer geht es um Befreiung von der repressiven Kleinstadt-Identität, auch und vor allem sexuell. (Vgl. Small Town.)

    Das mag in den 1920er und dann wieder 1960er Jahren noch einigermaßen funktioniert haben, allerdings auch da jeweils nur kurzzeitig und beschränkt auf Bohemiens, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigten. Auch in den letzten 10 Jahren hat das im Web 2.0 ganz gut funktioniert, als es noch in seiner anarchischen Pionierphase steckte. Die aber geht jetzt langsam zu Ende.

    Je mehr die großen Player Facebook, Google und Apple aber das soziale Web konsolidieren, desto mehr kommt der Unterschied zum Tragen, der das Web dennoch von der Metropole trennt: Lebendige Identitäten beruhen eben nicht auf gespeicherten und fixierten Datensätzen, sondern auf Unschärfen und Vagheiten. In Metropolen gilt der irreführende Gegensatz privat/öffentlich nicht, den sich spätbürgerliche Theoretiker aus der griechischen Polis holten. Die Medien ersetzen nun den überschaubaren “Marktplatz”, und das Apartment ersetzt den privaten Rückzugsraum des griechischen Bürgers, dessen “Familie” ja vor allem aus vielen  Sklaven bestand. Das aber bedeutet: Datenschutz, also der Schutz vor hyerrealistisch-exakten Datenprofilen, ist nicht obsolet. Er muss allerdings völlig anders gedacht und designt werden. Wie, wissen wir nicht.

    In der Metropole ist alles im Prinzip öffentlich, aber eben nicht im Sinne von “veröffentlicht”. (Das gilt nur für Promis, die von den Paparazzi gejagt werden.) Alles geschieht “draußen”, aber es bleibt überwiegend folgenlos. Es geschieht, ist für einen Moment wirksam und dann verpufft und vergessen. Die Metropole ist keine Datenbank. Der Impuls hinterlässt unterschwellige Spuren in den “Identitäten” der Beteiligten, aber keinen Datensatz, der immer gleich scharf und exakt  bleibt.

    Selbst in einer modernen Suburb-Siedlung bleiben ja die intimen Details merkwürdig unscharf, die man gewollt oder nicht über Nachbarn erfährt. In der alten Mediengesellschaft sind die Suburbs inzwischen eher “Metropole” als “Kleinstadt”. (Und nicht wenige BewohnerInnen singen mit, wenn das Oldie-Radio “Walk on the Wild Side” spielt.)

    Die Frage ist also: Wie sollte ein Web designt sein, das im positiven Sinn “Identitäten” hervorbringt: wirksam, aber nicht repressiv?

    “Ballett der Blicke”

    Eine  Metropole wie New York oder London ist ein merkwürdiges Gebilde. Wie  eine Ameisenkolonie, deren Struktur sich nur aus den unaufhörlichen  Mikro-Begegnungen der einzelnen Ameisen formt, behält die Metropole so  etwas wie eine Identität, obwohl die Bewohner sich ständig verändern und  umgruppieren und obwohl jeden Tag unzählige, nicht steuerbare Dinge  passieren. Dabei sind gar nicht die Leute selbst, aus denen die Stadt  besteht, sondern die Blicke, die sie auf der Straße tauschen. So  entsteht ein komplexer Ordnungszustand gerade aus Bewegung und Wechsel. Soziale Web 2.0-Software funktioniert ähnlich.

    Steven  B. Johnson (in seinem Buch “Emergence”) beschreibt die Viertel einer  Großstadt (und letztlich ganze Städte) als “polyzentrische Strukturen”,  hervorgebracht und laufend erneuert von tausenden von lokalen und oberflächlichen Begegnungen auf der Straße zwischen Leuten, die sich nicht kennen. In der Regel bestehen diese Begegnungen nur aus  flüchtigen  Blicken, die sich auf merkwürdige Art verstärken zu einer  konstanten,  wiedererkennbaren Struktur: Jeder, der ein Stadtviertel betritt, spürt, ob es nervös ist oder  entspannt, gefährlich oder sicher, experimentierfreudig  oder fixiert auf  beruhigende Wiederholung.

    Das hat nichts mit “kleinen Schwätzchen unter Nachbarn” zu tun, die das Gefühl von Enge und Kontrolle erzeugen. Es ist eher der kollektive Wohlfühl-Effekt, der entsteht, wenn alle Passanten in ihren flüchtigen Blick-Begegnungen rückversichernde und anregende Signale  erhalten (oder eben nicht). Wenn das gut funktioniert, entsteht so etwas  wie ein kollektiver Ãœberschuss: Die Individuen sind dann eben nicht dauernd damit  ausgelastet, sich selbst zu stabilisieren. Sie sind nicht mehr unterschwellig nervös und aggressiv. Ein Virtuous Circle. Alle Kultur entsteht ja  daraus, dass die Menschen durch sich quasi von selbst  erhaltende Strukturen in die Lage versetzt werden, etwas Anderes, Freieres tun können, als nur ums Ãœberleben zu kämpfen.

    Identität 2.0 ist also nichts, das einfach gegeben ist. Sie ist ein Effekt von geeigneten Strukturen. In Steven Johnsons neuem Buch Where Good Ideas Come From, in dem es wieder um Communities, Städte, Medien und das Web geht, findet man auch dafür eine Art Rezeptur: Ein Ökosystem, das “gute Ideen” hervorbringt, erzeugt auch menschenfreundliche Identitäten.

    Für uns Pioniere waren die Blogosphäre und dann Twitter solche Ökosysteme. Jetzt wird es darum gehen, das abzusichern und für den Mainstream in einen größeren Maßstab zu übertragen. Das passiert nicht von allein, sondern erfordert Engagement: Es ist eine Frage der aktiven Netzpolitik, aber fast mehr noch ist es eine Frage des sozialen Software-Design, das auf Glanceability und Continuous Partial Presence zielt. Damit werden sich die nächsten Blogposts zu “Design 2.0” beschäftigen.


    Über den/die Autor/in

    stellt sich in seinem Web-Profil vor und schildert dort was er gerade denkt und womit er sich beschäftigt - i.e. Audio, Video, Research Papers, Blogs.

5 Kommentare

  • Sean Kollak says:

    Panta Rei 2.0 – aber wo sind die Philosophen, die uns die neue Welt erklären? Oder gibt es auch hier den Wandel zur Mikro-Philosophie?

  • angelica laurencon says:

    Danke für diesen präzisen Essay zum Thema Identität. John Kay hat in seinem jüngsten Werk “Obliquity” http://www.johnkay.com/tag/obliquity dazu einen guten ökonomischen Ãœberbau dargestellt.
    Alles ist machbar und umdenkbar, sofern wir von den Prioritätenschalter umlegen.
    Dazu auch die Thesen der neweconomics.org, “happyness and identity” sollten die Gesellschaft des 21. Jhrt. wieder von innen her strukturieren.

  • mspro says:

    Ein paar Anmerkungen.

    Ja, die Stadt/Internet Metapher ist eindringlich. Ich hab mal gesagt: Das Internet ist das besser Berlin. Aber sie ist auch falsch.

    Falsche Metaphern sind unser größtes Problem beim Verstehen des Internets. Und – nur so als Ratschlag: Sobald du im Denken auf Raummetaphoriken – egal welcher Art – stößt, weißt du, dass du eine bequeme Abkürzung zu viel genommen hast. Facebook ist Facebook, Twitter ist Twitter, das Internet ist das Internet. Lass es uns also nicht als Stadt verstehen, sondern als das, was es ist. (Dass immer alle Leute neue Dinge mit den Hypotheken ihrer angeschimmelten Theorien von Vorgestern sollsuppen müssen, ist eh eine Unart, die bekämpft gehört. Wenn überhaupt sollte man das sehr vorsichtig machen.)

    Das, was das Internet vom Raum trennt – und zwar in all seinen Aspekten – ist die Query. Du hast irgendwie meinen Turn nicht mitbekommen, den ich mit “Das radikale Recht des Anderen” vollzogen habe.

    Das was zu tun ist, ist all das: Identität, Öffentlich/Privat, Kommunikation, Gesellschaft, etc – von der Query her neu zu denken. Ich fang da auch gerade erst mit an. Und ja, es ist verdammt schwer, aber macht absolut sinn, sobald man einmal eingefangen hat.

  • martin lindner says:

    hm, ich bin nicht sicher, ob wir uns da verstehen.

    die stadtmetapher, so wie ich sie verwende, ist ja _keine_ raummetapher im alten sinn der 1990er jahre (a la Digital Amsterdam). eher umgekehrt: ich begreife hier (mit Steven Johnson) reale “städte” als kommunikationswolken. also analog zu ameisenhaufen, die ja erstmal auch keine “räume” sind, sondern die summe der interaktionen zwischen ameisen. (und solche emergenten ameisenbau-systeme kann man mit ant-software simulieren.)

    (für den signalaustausch in städten/ameisenbauten spielt räumliche nähe eine rolle, wenn man das aufs internet überträgt, ist “nähe” natürlich ein netzwerk-merkmal.)

    “städte” sind demnach komplexe selbstorganisierende kommunikative systeme, die bestehen aus bzw. angetrieben werden von ausgetauschten blicken (das ist das argument von Jane Jacobs/Steven Johnson) oder weitergehenden mikro-interaktionen (gesten, kurze wortwechsel, smalltalk, im extremfall auch schlagen usw.).

    wie sich das aber jetzt zur query-these verhält, weiß ich noch nicht. (ich postuliere: man müsste eine sinnvolle verbindung herstellen können, das liegt jedenfalls auf verschiedenen ebenen.)

    deine query-these schien mir bis jetzt in der jeweils lokalen argumentation schon einigermaßen klar und auch grob plausibel, aber selbst angeeignet und genau durchgedacht habe ich das noch nicht. sollte ich tun, ja, auch was deine letzten blogposts zu demokratie/öffentlichkeit angeht. vorgemerkt.

  • martin lindner says:

    nachtrag:

    was ich hier konkret wollte, war einen blick zu werfen auf identitäten in der “realen welt” und dann eben realen großstädten (also erstmal gar nicht metaphorisch fürs internet genommen).

    das argument war: identitäten bilden sich bereits hier _jenseits_ der achse privatheit vs. öffentlichkeit. sie entstehen im zwischenraum der permanenten interaktionen, und sie haben als merkmal “vagheit” und “kurze halbwertszeit” (d.h. sie entstehen punktuell und verfliegen schnell wieder) .

    das gilt unabhängig vom web. und dann habe ich ungefähr sagen wollen: wenn “reale” identitäten so funktionieren, was passiert dann mit der herausbildung eines zusätzlichen layers von web-identitäten? einerseits lassen sich web-identitäten besser verstehen, wenn man sie mit vagen, punktuell-ereignishaften, flüchtigen großstadt-identitätsfeldern vergleicht.

    und andererseits kommen eben neue/andere qualitäten hinzu: das meiste ist schriftlich, die wechselseitigkeit ist software-vermittelt, und (was hier betonte) die in der wirklichkeit flüchtigen “identitätsereignisse” bleiben jetzt im system (tendenziell) da, also aggregierbar, archivierbar.

    wenn man das auf Gelernters lifestream bezieht (eine metapher, die ich sehr mag): die momente des lifestreams (und damit der identität/en) sind einerseits genauso punktuell-ereignishaft wie im leben, aber andererseits eben doch (im technischen system, nicht im erleben der subjekte) objektiv verselbständigt und dauerhaft.

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