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  • Coworking Spaces und Coworking. Eine Zusammenschau

    29Jun
    Verfasst von am Dienstag, 29. Juni 2010 | | 4 Kommentare

    Immer mehr qualifizierte Menschen arbeiten heutzutage in Coworking Spaces. Ein Begriff, mit dem Büroräume oder große Fabriketagen bezeichnet werden, die mit Arbeitstischen, Telefonen, Fax und Internetanschlüssen ausgestattet, eine komplette Infrastruktur für professionelles Arbeiten bieten. Sie heißen Betahaus, ROCKET RENTALS, Heikonauten, impakt berlin – raum für soziale innovation, Yorck52, Raumstation, Café St. Oberholz oder Atelier Überall und spiegeln in ihrer originellen Namensgebung die bunte Mischung kreativer Menschen wider, die sich dort einfinden. Ein Mix aus freien TexterInnen, InformatikerInnen, DesignerInnen, IngenieurInnen, MusikerInnen, KünstlerInnen oder ArchitektInnen, die dort zum Coworking “ohne Bindestrich” zusammen kommen.

    Die Zusammenarbeit an einem Ort bietet beim Start in den Beruf, für Selbstständige, frei Schaffende oder UnternehmensgründerInnen die Möglichkeit, voneinander zu profitieren und Synergien zu schaffen, wenngleich sie weiterhin ihre eigenen Projekte verfolgen. Wikipedia definiert Coworking als

    “the social gathering of a group of people, who are still working independently, but who share values, and who are interested in the synergy that can happen from working with talented people in the same space.”

    Blick in die kurze Geschichte

    Die Coworking-Bewegung begann in San Francisco, so Dan Fost in dem Artikel They’re Working on Their Own, Just Side by Side. Vor die Wahl gestellt, sich für Struktur und Community eines Festangestellten oder Freiheit und Unabhängigkeit eines Freelancers zu entscheiden, wählte der Programmierer Neuberg einen 3. Weg, das Coworking, um alles miteinander zu verbinden. Neuberg wandelte dazu eine Fabriketage in ein “live-work-loft” um, die Hat Factory, um dort mit Freunden zu leben und zu arbeiten. Tagsüber wurde das Loft zur Mitnutzung für externe BewohnerInnen geöffnet.

    Von den USA ausgehend hat sich die Coworking-Bewegung seit 2005 kontinuierlich ausgeweitet und mittlerweile gibt es Coworking Spaces weltweit, die teilweise per Coworking Visa zusammen arbeiten. Eine Auflistung aller Spaces bietet die Liste der “Local Efforts” des Coworking-Wiki oder die Coworking Map.

    Coworking in Berlin

    In Deutschland entstanden Anfang 2008 die ersten Coworking Spaces aus vielfältigen Motiven heraus. Das selfHub in Berlin-Kreuzberg wollte UnternehmerInnen zusammen bringen, die wirtschaftlichen Erfolg, sinnstiftende Arbeit und die Entfaltung eigener Potentiale zum Ziel haben. Menschen in die Selbstständigkeit zu helfen, war der Antrieb für das impakt berlin – raum für soziale innovation. Inspiriert von der Diskussion über “Hallen als gemeinsamer Arbeitsort” beim 9to5 Festival-Camp – Wir nennen es Arbeit, stellte der Gründer von co.up freie Arbeitsplätze in seinem Büro zur Verfügung, nachdem er das Hallenprojekt mit initiiert hatte. Angetrieben von der Vorstellung, für ein leerstehendes, renovierungsbedürftiges Haus in Moabit eine nachhaltige Nutzungsmöglichkeit als Grundlage für ein neues Stadtteilkonzept zu finden, wurde die Raumstation gebaut. Der Spaß an neuen Ideen und einem Netzwerk für FreiberuflerInnen stand bei ROCKET RENTALS im Vordergrund und mit dem Yorck52 sollte eine “Lücke” im Kiez gefüllt werden.

    Der gemeinsame Nenner von Coworking Spaces ist das Ziel, einen Ort zu bieten, an dem z. B. Infrastruktur gemeinsam genutzt und Netzwerkeffekte ausgebaut werden können. Für frei Schaffende, Selbstständige oder GründerInnen gerade zu Beginn ihrer Tätigkeit von Vorteil, weil sich Kosten für die Büromiete, die Büromöbel, technische Geräten usw. einsparen lassen. Außerdem können Konferenzräume für Besprechungen mit größeren Gruppen genutzt werden. Zwar sind Coworking Spaces nicht kostenfrei, mit Preisen zwischen 150 bis 250 Euro pro Monat jedoch wesentlich günstiger als ein eigenes Büro und sozialer, weil Sitzecken, alte Sofas und selbst gebaute Möbel informelle Prozesse in einer gemütlichen Atmosphäre fördern.

    Unterschiede ergeben sich bei den Coworking Spaces in Bezug auf die Ziele, spezielle Angebote und/oder die Zielgruppen.

    • Beim impakt berlin-raum für soziale innovation stehen soziale Aktivitäten, soziale Innovationen und die Förderung von Social Entrepreneurs im Vordergrund. CoworkerInnen können ein Coaching am Arbeitsplatz durchlaufen, das von BeraterInnen mit langjähriger Berufserfahrung durchgeführt wird. Zu den Zielgruppen zählen insbesondere auch behinderte Menschen.
    • Die Raumstation versteht sich als “Landeplatz” für CoworkerInnen, die Gleichgesinnte suchen und sich beim “Sprung in die Selbstständigkeit” gegenseitig unterstützen. Zur Zielgruppe zählen Menschen aller Berufsgruppen, die Zusammenarbeit schätzen und nachhaltige Kontakte. Feste Arbeitstische mit konstanten Sitznachbarn sollen fundiertes Arbeiten fördern. Die Einbindung weiterer leer stehender Häuser in der Umgebung zu einem Netzwerk, unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeit sind weitere Ziele.
    • Bei ROCKET RENTALS sind vor allem FreiberuflerInnen aus den Bereichen Web, Design, Journalismus, Informatik, Architektur, Werbung/PR, Medien und Kultur aktiv, die sich mit Webentwicklung beschäftigen.
    • Der Coworking-Space co.up ist offen für alle Berufsgruppen. Neben der Förderung von Coworking und der Vernetzung von Freelancern zählt zu den Zielen von co.up vor allem, ein Knotenpunkt im Netzwerk der Berliner Web-, Tech- und Startupszene zu sein.
    • Das Yorck52 möchte wissensbasiert und handwerklich arbeitende Menschen beim Coworking miteinander verbinden und integriert außerdem ernährungsbewußte Aspekte durch das Angebot von veganer Ernährung mit Bioprodukten.

    Neben den vielen Spaces, die eher auf wissensbasierte Coworkerinnen ausgerichtet sind, gerät aktuell das Handwerk in den Blickpunkt. Das wird beim Yorck52 deutlich sowie beim betahauslOpen Design City. Spaces, in denen neben kreativen Ideen, handwerkliches Geschick bedeutsam ist und Werkbänke und Werkzeuge gemeinsam genutzt werden können.

    Blick in die Zukunft

    Coworking Spaces führen vor allem für digital vernetzte Menschen die Macht informeller virtueller Kollaborationsformen wieder zurück in den physikalischen Raum. Vielleicht sind Coworking-Angebote zudem eine Form, um auf die veränderte Art und Weise, wie viele Menschen leben und arbeiten möchten, zu reagieren. Menschen, bei denen die Trennung von Arbeit und Freizeit verwischt. Die nicht dem Mainstream folgen, sondern Individualität und Freiheit ausleben möchten und zu Orten driften, die offen und tolerant sind. Orte, die sie in Kontakt mit unterschiedlichen Menschen bringen, die ähnliche Werte vertreten und mit denen sie gemeinsam an neuen Ideen arbeiten können. Die vielleicht sogar Innovationen hervorbringen, die meist am Rande der Gesellschaft, niemals im Kern und niemals in Zeiten ökonomischer Sicherheit entstehen. Denn wenn sich bestimmte TeilnehmerInnen mittels vielfältiger Interaktionsmuster in geeigneten Umgebungen zusammenfinden, können sich ungeheuerliche Kollaborationseffekte entfalten. Hagel, Brown und Davison bezeichnen solche Orte in ihrem neuen Buch The Power of Pull als “creation spaces“, wenn sie auf gemeinsamen Werten emergent aufbauen und eine “collaboration curve” generieren, die eine bessere Performance der Einzelnen wie der Gruppe bewirkt. Durch kreative Vernetzungsformen, die sich den Anforderungen am innovativen Rand anzupassen vermögen, entsprechen solche Spaces dem pull-Zeitalter und vermögen sich flexibler den Bedingungen anzupassen als einförmige Institutionen, die ihre Sichtweise per push zu verkaufen trachten.

    Von daher könnten Coworking Spaces vielleicht als Zukunftsmodell für moderne Innovationsprozesse dienen und aufzeigen, wie es sich selbstbestimmt und kreativ in einer modernen Gesellschaft arbeiten lässt.

    Wer unsicher ist, welcher Coworking Space bzw. welche Coworking-Community am Besten zu ihr oder zu ihm paßt, sollte die zahlreichen Kennenlern-Angebote nutzen, die von Führungen durch die Spaces über Tage der Offenen Tür und Sommerfeste bis hin zu öffentlichen Veranstaltungen reichen. Außerdem gibt es Tageskarten für Gäste, die ca. 10 Euro kosten und entweder die Möglichkeit bieten, zeitlich flexibel nur an einzelnen Tagen den Coworking Space zu nutzen oder ein “Probewohnen” für längerfristiges Anmieten zu testen.

    In den nächsten Tagen werden wir hier einige Steckbriefe von Coworking-Spaces veröffentlichen, die diese mithilfe unseres Fragebogens erstellt haben, um Interessierten die Spaces näher vorzustellen und einen Vergleich zu ermöglichen.


    Über den/die Autor/in

    beschäftigt sich mit neuen Vernetzungs- und Organisationsformen der kreativen Klasse in- und außerhalb des Social Webs, welchen Einfluss diese Entwicklungen auf eine moderne Unternehmenskommunikation und Corporate Identity ausüben und welche Bedeutung online-basiertem Lernen aufgrund dessen zukommt.

4 Kommentare

  • Debora Weber-Wulff says:

    Sehr spannend, danke für den Artikel, Nicole! Wäre nichts für mich, ich brauche meine Haufen und Unordnung. Aber es ist eine sehr spannende Idee.

  • Birgit Hofmeister says:

    Hallo,

    ich war bereits mehrmals im impakt und bin wirklich von der Möglichkeit begeistert! Der Austausch und das Kennenlernen ist in solchen Zentren wirklich phänomenal.

    Grüße
    Birgit Hofmeister

  • Harald Seiffert says:

    Hallo,

    also ich kann den Riesen-Hype um CoWorking nicht wirklich nachvollziehen.
    Bereits in den Siebzigern war ich in Gemeinschaftsbüros, die so gut wie alles oben genannte erfüllten.

    Habe mir Anfang des Jahres ein paar Co-Working Spaces angeschaut, die mir alle wie Kindergärten vorkamen. Für meine Branche gibt es da kaum wertvolle Kontakte. Die finde ich wesentlich besser in Business Centern. Und auch hier bieten die größeren Anbieter Vergleichbares schon seit fast 10 Jahren an!

    MfG
    Harald Seiffert

  • maike says:

    hi harald,

    ist ja kein riesen-hype – finde ich – es wird nur diskutiert im zusammenhang mit dem netz ,dessen derzeitigen möglichkeiten für den sagen wir “sterblichen” und dessen aktuelle arbeitswelt. bei weitem ist es nicht bei allen angekommen, kenne genügend menschen, die es noch nicht kennen. persönlich glaube ich auch, dass es sich nicht für alle branchen und berufe eignet und bestimmt nicht ist es für jede/r eine option. apropos branche – in welcher bist du unterwegs? von den business-centern habe ich schon gehört – finde ich interessant aber ist mir persönlich noch zu teuer.

    by the way …heuter über facebook erhalten und finde es zum thema passend:

    Die Ausstellung “Internet-Wirtschaft” setzte sich mit den Veränderungen auseinander, die durch das Internet auf die Arbeitswelt einströmen und die alle Menschen – Arbeitnehmer wie Freiberufler beeinflussen.
    Zum Abschluss möchte ich alle Freunde und Interessierte ganz herzlich zu meiner Finissage einladen.
    Ein Brückenschlag zwischen neuen und alten Medien sollen die Holzschnitte und Linolschnitte sein. Sie schaffen Welten, die den Betrachter zwischen Abstraktion und Figuration führen. Mit dem Stilmittel des Wandfrieses, des Teppichbildes oder des Kalenderbildes entwickele ich Aussagen zur Jetztzeit, die in der grafischen Tradition fußen und die dennoch fest im 21. Jahrhundert verankert sind.

    http://www.facebook.com/event.php?eid=126762120698616

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