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  • Nachgefragt bei der Mediencommunity

    29Sep
    Verfasst von am Donnerstag, 29. September 2011 | | Kommentieren

    Communities entstehen immer öfter in unterschiedlichen Bereichen zu ganz verschiedenen Themen. Auf der Suche nach einer Antwort, was Menschen in Communities treibt, haben wir bei Frau Dr. Ilona Buchem nachgefragt, die sich bei der Mediencommunity engagiert.

    Was ist die Mediencommunity?
    Mediencommunity – www.mediencommunity.de – ist eine Online Community für die Druck- und Medienbranche, insbesondere für die berufliche Qualifizierung. Mediencommunity wird seit 2009 im Rahmen des durch BMBF/ESF geförderten Forschungsprojektes „Mediencommunity 2.0“, unter der Mitwirkung der Beuth Hochschule für Technik Berlin als Konsortialführer entwickelt. Das übergeordnete Ziel des Projektes ist es, die Möglichkeiten nutzerorientierter Einbindung von Web 2.0 zur Verbesserung der Qualität der Aus- und Weiterbildung in der Druck- und Medienbranche zu untersuchen. Unsere Zielgruppe umfasst alle Menschen, die in der Druckindustrie lernen und arbeiten. Hierzu gehören sowohl Auszubildende, Schüler/Innen und Studierende als auch Ausbilder, Lehrer/Innen und Dozenten – vor allem in den Berufen Mediengestalter, Drucker und Buchbinde.

    Basis für das Portal „Mediencommunity“ ist die Open Source Software Drupal. Sie beinhaltet zahlreiche Community-Angebote, die ständig weiterentwickelt und aktualisiert werden. Die drei Kernbereiche der Mediencommunity umfassen die Rubriken „Wissen und Nachschlagen“ mit dem Ziel „Informations- und Wissensaustausch“, den Bereich „Vernetzen und Mitmachen“ mit dem Ziel „Partizipation und Kollaboration“ und den Bereich „Lernen und Lehren“ mit dem Ziel „Lernen und Qualifizieren“. Mediencommunity-Mitglieder können sowohl an den vorhandenen Angeboten partizipieren als auch eigene Gemeinschaften und Lerngruppen gründen und diese in eigener Regie gestalten. Die Mediencommunity zählt aktuell über 2.600 registrierte Nutzer/innen und hat im Durchschnitt täglich 600 Besucher und 12.000 Seiten-Abrufe.

    Was meinen Sie: Kann man Ihre “Initiative” als Community oder als Community of Practice bezeichnen?

      Falls ja, welche Kriterien der “Initiative“ sprechen aus Ihrer persönlichen Sicht für die Bezeichnung als Community oder Community of Practice?

    Mediencommunity kann als ein komplexes, sozio-technisches System mit mehreren Teilsystemen bzw. Teilgemeinschaften verstanden werden. Diese Teilgemeinschaften bilden sich sowohl übergreifend als auch in den einzelnen Kernbereichen der Mediencommunity, d.h. „Wissen und Nachschlagen“, „Vernetzen und Mitmachen“ und Lernen und Lehren“. Die einzelnen Teilgemeinschaften können jeweils als Lerngemeinschaften, Interessengemeinschaften, Wissensgemeinschaften und/oder Praxisgemeinschaften (Communities of Practice) bezeichnet werden. Die unterschiedlichen Möglichkeiten der Beteiligung in der Mediencommunity fördern die Vielfalt der Gemeinschaftsformen. Übergeordnet würde ich also die Mediencommunity als eine „hybride Community“ bezeichnen, die unterschiedliche Arten virtueller Gemeinschaften beinhaltet, also auch „Community of Practice“.

    Würden Sie sagen, Ihre “Initiative” bedient ein gewisses Community-Bedürfnis der aktiven oder auch weniger aktiven “Mitglieder”?

      Worin besteht Ihr spezielles Erfolgsgeheimnis? Was glauben Sie, ist Ihre spezielle “Rezeptur”?
      Können Sie einige Faktoren nennen, die dazu führen, dass Ihre Mitglieder/TeilnehmerInnen aktiv an der “Community” mitwirken?
      Welche Faktoren treiben Ihre “Community” immer weiter voran?

    Die zahlreichsten und aktivsten Mitglieder der Mediencommunity sind Auszubildende-Mediengestalter/Innen. Diese kritische Masse entdeckten wir in der frühen Phase der Entwicklung durch den versuchsartigen, ersten Launch eines „Prüfungsvorbereitungswikis“. Dieses Angebot ermöglicht Auszubildenden in einer kritischen Situation, nämlich in der Phase der Vorbereitung auf die Abschlussprüfung am Ende der Ausbildung, eine gemeinschaftliche Problembewältigung.

    In den Druck- und Medienberufen werden seit über 60 Jahren zweimal jährlich bundesweit einheitliche Prüfungen durchgeführt. Somit besteht eine ideale Ausgangssituation für den Aufbau überregional vernetzter virtueller Lernangebote für tausende Auszubildende, die sich jährlich gleichzeitig auf ihre Zwischen- bzw. Abschlussprüfung vorbereiten. Das Prüfungsvorbereitungswiki wird jeweils zwei Monate vor der Prüfung gestartet, um den Prüflingen eine Möglichkeit zu geben, sich bundesweit gemeinsam und unter Betreuung von Fachexperten auf zentrale Prüfungsthemen vorzubereiten. Durch die Bereitstellung weiterer Angebote zur Prüfungsvorbereitung konnten bisher kontinuierlich neue Nutzer gewonnen und in der Mediencommunity eingebunden werden. Viele Auszubildende nutzen in dieser Situation zum ersten Mal ein solches Angebot. Der „Leidensdruck“ der Prüfungssituation bringt sie offenbar dazu, neue Wege beim Lernen einzuschlagen.

    Unsere Erfahrungen zeigen jedoch, dass nur ein kleiner Anteil der Nutzer aktiv mitwirkt. Die Ergebnisse unserer Evaluationen zeigen, dass die meisten Mediencommunity-Mitglieder die bereitgestellten Angebote nur „passiv“ bzw. „rezeptiv“ nutzen. So tendieren ca. 80% dazu, Beiträge nur zu lesen und nicht selbst zu schreiben. Da wir jedoch wissen, dass das Lernen sowohl durch „aktive“ als auch „passive“ Teilnahme, u.a. „Lurking“, angeregt werden kann und für viele das Lernen im Internet noch Neuland ist, würde ich diesen Tatbestand nicht negativ bewerten. Außerdem zeigen zahlreiche andere Forschungsarbeiten, dass in der Praxis nur ein Bruchteil der Gesamtheit dazu bereit ist, aktiv und regelmäßig in einer Community Beiträge zu leisten. Unsere Power-User treiben die Entwicklungen in den einzelnen Teilcommunities erfolgreich voran. Außerdem können wir damit rechnen, dass uns die Nutzer auch nach Abschluss der Prüfungen erhalten bleiben. Und mit jedem Jahrgang kommen neue Nutzer hinzu.

    Gibt es in Ihrer Community bestimmte Initiatoren oder Mitglieder, die sich besonders engagieren, die bestimmte Rollen übernehmen oder Aufgaben ausführen, damit die Community lebendig bleibt?

      Wieviele Leute sind das schätzungsweise?
      Welche Eigenschaften dieser Personen sind besonders wichtig für die Aktivität in der “Community”?
      Braucht es aus Ihrer Sicht unterschiedlicher RollenträgerInnen, um eine “Community” wie die Ihre erfolgreich zu gestalten?

    Angebote der Mediencommunity werden natürlich nicht nur durch die Projektmitarbeiter, sondern auch durch die Community-Mitglieder initiiert. Ein markantes Beispiel für eine solche Eigeninitiative ist eine spezielle Lerngruppe zur Prüfungsvorbereitung, die von einer Auszubildenden mit dem Nickname „Minerva“ nach dem Prinzip der Selbstorganisation gestaltet und moderiert wurde. In dieser Lerngruppe haben sich über 400 Auszubildende gemeinsam auf ihre Abschlussprüfung am Ende der Ausbildung vorbereitet. Aus unseren Beobachtungen und Interviews kennen wir die zentralen Eigenschaften von „Minerva“, die diesen Erfolg ermöglichten: (1) die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen, (2) die Fähigkeit eine größere Anzahl der Mitglieder kontinuierlich zu aktiver Teilnahme zu mobilisieren und (3) mit eigenen Kompetenzen und Verhaltensweisen ein Vorbild für die anderen zu schaffen.

    Der Aufbau von Rollenstrukturen in einer Online Community ist sicherlich ein Zeichen für die Formalisierung von bestimmten Prozessen und gleichzeitig für die Verantwortungsübernahme. Aus meiner Sicht ist es jedoch wichtig, Offenheit gegenüber neuen Rollen und Funktionen zu bewahren, um die Communities nicht zu sehr erstarren zu lassen. Meines Erachtens muss es immer einen Spielraum für neue Rollen und neue Möglichkeiten der Organisation geben, um die Vitalität einer Community zu sichern.

    Welche Maßnahmen und Aktivitäten sind aus Ihrer persönlichen Sicht entscheidend, damit eine längerfristige Community entsteht und die Mitglieder gemeinsam aktiv bleiben?

      Was machen Sie, um die Community aufrechtzuerhalten? Wie hoch ist Ihr individueller Einsatz?
      Welche Tipps würden Sie anderen geben, die sich für eine erfolgreiche Community-Arbeit einsetzen möchten (weniger instrumentell als aus persönlichem Antrieb – z. B. weil sie ein besonderes Interesse an einem Thema haben)?

    Abschließend möchte ich fünf Maßnahmen nennen, die aus meiner Sicht für eine erfolgreiche Community-Entwicklung entscheiden sind.

    Erstens ist es wichtig, die Zielgruppe aktiv anzusprechen und mit der Zielgruppe kontinuierlich im Dialog zu bleiben. Eine gute Community entwickelt ihre Angebote nicht nur für sondern vor allem mit ihren Mitgliedern. Durch den regelmäßigen Dialog mit der Zielgruppe ist es viel einfacher, Schwachstellen früh zu erkennen und wertschaffende Angebote zu gestalten. Auch die inhaltlichen Schwerpunkte sollten gemeinsam mit der Zielgruppe bestimmt werden.

    Zweitens ist es wichtig, eine kritische Masse zu gewinnen, die eine Community „mit Leben füllt“. Auch dieser Schritt wird durch eine intensive Kommunikation mit der Zielgruppe vollzogen. Es kommt darauf an, engagierte Repräsentanten der Zielgruppen zu gewinnen und als Moderatoren, Redakteure, Inputgeber, Betreuer, Content-Ersteller usw. einzubinden.

    Drittens ist es wichtig, Möglichkeiten zur sozialen Vernetzung der Community-Mitglieder zu schaffen. Die Vernetzung der Community-Mitglieder untereinander ist entscheidend für das gemeinsame Agieren, den Vertrauensaufbau, die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls, den Wissensaustausch. Neben Moderation sind hier auch die technischen Funktionalitäten entscheidend, die nutzerfreundliche und individuelle Profilgestaltung, Kontaktaufnahme und Kommunikation ermöglichen.

    Viertens ist es wichtig, Selbstorganisation zu fördern, u.a. Möglichkeiten zur Initiierung von Aktivitäten, Selbstorganisation und Verantwortungsübernahme zu schaffen. Eine wichtige Rolle der Community-Betreiber ist es, Anleitung zu geben und die Kommunikation zu moderieren. Durch die Eigeninitiative und Selbstorganisation der Mitglieder entstehen neue Inhalte, das vorhandene Angebot kann ausgebaut werden, die bestehende Themenfelder werden erweitert und neue Mitglieder gewonnen.

    Fünftens ist es wichtig, Maßnahmen zur Nachhaltigkeitssicherung zu planen. Es ist hilfreich früh genug (auch kommerzielle) Verwertungsideen zu generieren, Nachhaltigkeitsmodelle zu entwickeln und ansatzweise zu überprüfen und somit eine nachhaltige Entwicklung der Online Community strategisch zu planen. Über die Nachhaltigkeit sollte man nicht erst am Ende eines Förderprojektes nachdenken, sondern z.B. die gewonnenen Erkenntnisse kontinuierlich nach dem Iterations-Prinzip zur Weiterentwicklung bzw. zur Anregung von neuen Entwicklungen zu verwenden.

    Abschließend möchte ich auf weitere Ressourcen der Mediencommunity verweisen: http://www.slideshare.net/mediencommunity/presentations


    Über den/die Autor/in

    beschäftigt sich mit neuen Vernetzungs- und Organisationsformen der kreativen Klasse in- und außerhalb des Social Webs, welchen Einfluss diese Entwicklungen auf eine moderne Unternehmenskommunikation und Corporate Identity ausüben und welche Bedeutung online-basiertem Lernen aufgrund dessen zukommt.

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